[Seite bearbeiten oder erstellen]

Abb.: Hans-Erich Fröhlich
Aktuelle Ausgabe
PDF-Datei (0.15 MB)
Sie haben Fragen?
fragen@kosmos-bote.de
Diese erst in den letzten Jahren aufgefundene Thatsache eines unzweifelhaften Zusammenhanges des Magnetismus unseres Planeten mit der mächtigen Magnetkraft des fernen Centralkörpers unseres Systems giebt einer wichtigen Gruppe irdischer Erscheinungen im weitesten Wortsinne einen kosmischen Charakter.

Alexander von Humboldt (1769–1859)

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

vor 100 Jahren, am 18. Januar 1921, verstarb in Bornim bei Potsdam im 90. Lebensjahr Wilhelm Julius Foerster, Astronom, Wissenschaftsorganisator und -popularisator, ein Humanist, der mit Wissenschaft die Völker geistig erheben und einander näher bringen wollte. Von 1865 bis 1903 stand er der Berliner Sternwarte als Direktor vor. Seine Arbeitsgebiete waren die kleinen Planeten und die Geschichte der Astronomie. Die Astrophysiker verdanken maßgeblich ihm das erste Astrophysikalische Observatorium der Welt. Wer sich auf dem Potsdamer Telegrafenberg ein wenig weiter umschaut, dem dürfte ein etwas abgelegenes Gebäude nicht entgehen. Es ist aus magnetfreien Materialien erbaut: das Magnetische Observatorium. Dort begannen 1890 geomagnetische Messungen. Auch dieses Observatorium nebst der Wetterwarte geht auf Foersters beharrliche Lobbytätigkeit zurück. Bereits Alexander von Humboldt (1769–1859) hatte mit seinem Projekt der magnetischen Vermessung der Welt dank der fachlichen Mitwirkung von Carl Friedrich Gauß (1777–1855) in Göttingen 1836 den Weg dazu bereitet. Man wusste bereits von täglichen und saisonalen Schwankungen. Foerster selbst hatte als Student an der Bonner Sternwarte in zweistündiger Sitzung an einem sog. „magnetischen Termin“ begeistert teilgenommen, einem Messtage, wo weltweit und rum um die Uhr (nach Göttinger Zeit) der Ausschlag einer freibeweglichen Magnetnadel (mit einem Fernrohr) observiert und registriert wurden. Ein penibler Observator konnte ihn fühlen, den magnetischen Puls der Erde!

Anfang September 1859, Humboldt war vier Monate zuvor verstorben, ereignete sich dann etwas, was allen schlagartig die kosmische Dimension der Magnetmessungen offenbarte. Die Magnetnadel reagiert mit vielstündiger Verzögerung auf Vorgänge, die sich weit von uns entfernt auf der Sonne abspielen! Zwischen dem 28. August und 4. September 1859 kam es zu Sonneneruptionen. Die gewaltigste, am 1. September, schleuderte eine Wolke geladener Teilchen, heute spricht man von einem koronalen Massenauswurf (CME), in Richtung Erde. 17 Stunden später tobte hienieden ein „Magnetisches Ungewitter“, ein geomagnetischer Sturm. In den langen Kabeln der Telegrafenverbindungen wurden durch die plötzliche Deformation des Erdmagnetfeldes beim Aufprall des Plasmageschosses letztlich enorme Spannungen von einigen Tausend Volt pro 100 Kilometer Leitung erzeugt, die entsprechende Störströme hervorriefen. In Telegrafenstationen kam es zu Bränden durch Funkenüberschlag, Telegramme konnten selbst bei abgeklemmter Batterie versandt werden – sog. „Aurora-Depeschen“ …

Auch fernab von Telegrafenämtern konnte man in der darauffolgenden Nacht ein Feuerwerk erleben: Nordlichter überall, selbst noch in südlichen Lagen der Nordhemisphäre: Rom, Havanna und Hawaii.

Dieses sog. Carrington-Ereignis, benannt nach dem englischen Astronomen Richard Christopher Carrington (1826–1875), der das Weißlichtflare vom 1. September 1859 selbst sprachlos auf dem Sonnenprojektionsschirm gesehen und gezeichnet hatte, war für Foerster Anlass, nunmehr mit aller Kraft die Gründung eines meteorologisch-magnetischen Zentralobservatoriums auf dem Telegrafenberg anzugehen. Leicht war das nicht. Er hatte die Koryphäen gegen sich. Er schreibt: „Es war mir also durchaus erklärlich, dass die Akademie […] zu dem ganzen Projekte den Kopf schüttelte, zumal da es eine Spezialität der älteren Meteorologen war, dass sie von dem Eingreifen der Flecken- und Fackelwirtschaft auf der Sonne in die irdischen Wetterzustände gar nichts wissen wollten und auch über die Beziehungen zwischen jener Sonnenwirtschaft und dem Erdmagnetismus sehr skeptisch dachten.“ Das Unterrichtsministerium zeigte sich Gott-sei-dank aufgeschlossener für die Erforschung der solar-terrestrischen Beziehungen als die etablierte Wissenschaft. Heutzutage ist das „Weltraumwetter“ ein Thema für die Versicherungsbranche. Ein Carrington-Ereignis heute, es wäre angesichts unserer elektronischen Vulnerabilität verheerend.

Foerster tanzte auf mehreren Hochzeiten. So war er rastlos in Sachen Standardisierung des Maß- und Gewichtswesens unterwegs, zunächst im Norddeutschen Bund, dann auf europäischem Parkett. Das internationale metrische System (SI) war ihm eine Herzensangelegenheit. Er vertrat das Deutsche Reich auf internationalen Kongressen, wo er diplomatisches Geschick bewies. Als Preuße sprach er sich 1872 (!) für Paris als Standort des Urmeters aus. 1887 hob er zusammen mit Hermann von Helmholtz (1821–1894) und Werner von Siemens (1816–1892) die Physikalisch-Technische Reichsanstalt (PTR) aus der Taufe, die heutige PTB mit Hauptsitz in Braunschweig. Die PTR, damals in Berlin-Charlottenburg angesiedelt, spielte bei der Entstehung der Quantenphysik eine herausragende Rolle.

Das Nordlicht ist ein erhebendes Himmelsspektakel. Vor 400 Jahren, 1621, fand Pierre Gassendi (1592–1655) dafür die gelehrte Bezeichnung Aurora borealis?. Morgenröte und Nordwind, der Aurora Sohn, standen Pate. Ein Südlicht gibt's auch, die Aurora australis?.

Gassendi ist u.?a. dafür bekannt, dass er als erster von Paris aus den Vorübergang eines Planeten vor der Sonnenscheibe beobachtet hat. (Bei den gelegentlichen „Planetentransits“ aus vorteleskopischer Zeit dürfte es sich um Sonnenfleckensichtungen gehandelt haben.) Der Merkurtransit vom 7. November 1631 war 1629 von keinem geringeren als Johannes Kepler (1571–1630) auf Basis seiner Rudolfinischen Tafeln vorhergesagt worden. Kepler selbst hat diesen Erfolg seiner Rechenleidenschaft nicht mehr erlebt.

Nordlichtsichtungen aus vorteleskopischer Zeit, insbesondere auch solche in südlichen, gemäßigten Breiten, erlauben eine Rekonstruktion der Sonnenaktivität über historische Zeiträume. Davon berichtet

Ihr Hans-Erich Fröhlich

weiterlesen …

Ausgaben

2002


2003


2004


2005


2006


SeptemberOktoberNovemberDezember

2007


JanuarFebruarMaerzAprilMaiJuniJuliAugustSeptemberOktoberNovemberDezember

2008


JanuarFebruarMaerzAprilMaiJuniJuliAugustSeptemberOktoberNovemberDezember

2009


JanuarFebruarMaerzAprilMaiJuniJuliAugustSeptemberOktoberNovemberDezember

2010


JanuarFebruarMaerzAprilMaiJuniJuliAugustSeptemberOktoberNovemberDezember

2011


JanuarFebruarMaerzAprilMaiJuniJuliAugustSeptemberOktoberNovemberDezember

2012


JanuarFebruarMaerzAprilMaiJuniJuliAugustSeptemberOktoberNovemberDezember

2013


JanuarFebruarMaerzAprilMaiJuniJuliAugustSeptemberOktoberNovemberDezember

2014


JanuarFebruarMaerzAprilMaiJuniJuliAugustSeptemberOktoberNovemberDezember

2015


JanuarFebruarMaerzAprilMaiJuniJuliAugustSeptemberOktoberNovemberDezember

2016


JanuarFebruarMaerzAprilMaiJuniJuliAugustSeptemberOktoberNovemberDezember

2017


JanuarFebruarMaerzAprilMaiJuniJuliAugustSeptemberOktoberNovemberDezember

2018


JanuarFebruarMaerzAprilMaiJuniJuliAugustSeptemberOktoberNovemberDezember

2019


JanuarFebruarMaerzAprilMaiJuniJuliAugustSeptemberOktoberNovemberDezember

2020


JanuarFebruarMaerzAprilMaiJuniJuliAugustSeptemberOktoberNovemberDezember

2021


Januar
Komplettausgabe inkl. Index
Version vom 5.1.2021
PDF-Datei (2.73 MB)

Newsletter

Ja, ich möchte per E-Mail über neue Ausgaben des Kosmos-Boten informiert werden! Bereits 116 Astronomie-Begeisterte nutzen diesen Service!