
Atlanten des Sonnensystems verzeichnen jenseits des Neptun noch einen weiteren Wandelstern: Pluto. Auch seine Entdeckungsgeschichte ist nicht ohne Reiz. Wie war das also mit Pluto?
Nun, die Himmelsmechanik hatte den Neptun finden helfen. Dieser Erfolg, sollte er nicht wiederholbar sein, sollten sich nicht noch weitere Planeten durch ihre Schwerkraft verraten, zumal - wie man glaubte - ein ungeklärter Rest in den Bahnbewegungen von Uranus und Neptun verblieb. Es gab da also noch ein Problem. Und es gab einen, der sich dieses Problems annahm: Percival Lowell (1855 - 1916).
Lowell
stammte aus sehr guten Bostoner Verhältnissen. Zur
Astronomie fand er über die Marskanäle. Er hielt sie für künstlich.
Der «Kanäle» wegen baute er sich 1894 in
Flagstaff, Arizona, eine Sternwarte. Zehn Jahre
später machte er sich auf die
Suche nach den, wie er ihn nannte, Planeten «X».
Andere suchten ebenfalls. Beispielsweise William Pickering. Der jagte
allerdings «O» nicht «X». Pickering hatte übrigens
Lowell beim Aufbau von dessen Privatsternwarte geholfen, glaubte aber nicht an
Marsbewohner, worüber die frühe Freundschaft zwischen den beiden in die
Brüche ging.
Lowell starb am 12.11.1916, ohne Planet «X» gesehen zu haben. Dabei
war Pluto zweimal von ihm photographiert worden - wie sich später
herausstellte.
Lowell also war tot, aber sein letzter Wille - 1 Million Dollar für seine
Sternwarte - erlaubte die Fortführung der Suche unter Vesto Slipher.
Allerdings erst nachdem die Gerichte dem zugestimmt
hatten. Constance nämlich, die Witwe, hatte wenig Verständnis für
die Geldverschwendung ihres Gatten über den Tod hinaus
und focht das Testament an. Nach 11 Jahren endlich war alles geklärt -
ein Großteil des Nachlasses war ohnehin inzwischen an die
Advokaten gegangen - und, versehen
mit einen neuen Teleskop, konnte die Sucherei weitergehen.
Endlich, 1929, betritt ein 22jähriger Farmerssohn aus Illinois die
Sternwarte. Clyde Tombaugh muß ein fanatischer
Planetenbeobachter gewesen sein. Die Fernrohre hat er sich selbst
verfertigt. Mr. Slipher lud ihn für ein Viertel Jahr
ein. Tombaugh blieb 13. Zunächst hatte er die Aufgabe, sich etwas
auszudenken, womit sich das Brechen der Photoplatten während der
Belichtung verhindern ließ. Die Platten mußten leicht
durchgebogen werden. Einige hatte das nicht gern und zersprangen.
Nachdem er dies zu seiner Zufriedenheit gelöst hatte - sein Chef hatte
sich mit dem Malheur bereits abgefunden gehabt -, kümmerte er
sich um die wackelnde Nachführung. Er war Praktiker durch und durch.
Die wesentlichste Verbesserung aber, die er einführte,
bestand in einem
Blinkkomparator. Zwei Aufnahmen der gleichen Himmelsgegend
werden dabei gleichzeitig betrachtet. Das linke Auge schaut sich die
eine Aufnahme an, das rechte die andere. Jede Ortsveränderung eines
Lichtpünktchens
macht sich, da beide Bilder im schnellen Rhythmus abwechselnd beleuchtet
werden, durch ein scheinbares Hin-und-Herspringen des Flugobjekts bemerkbar.
Und: Tombaugh glaubte nicht an die Vorausberechnungen des verstorbenen
Meisters, begann vielmehr unbekümmert aber
systematisch den Himmel auch fern von der Ekliptik zu fotografieren.
Als er Anfang 1930, nach nur 10 Monaten systematischer Suche,
auf Aufnahmen des Sternbilds
Zwillinge etwas blinken, bzw. 3.5 mm hin- und herspringen sah, war die Welt
um einen Planeten reicher. «Das ist er» hat er zu sich
selbst gesagt und ging, seinem Chef in aller Ruhe davon Mitteilung zu
machen.
Pluto, ein Objekt 13.5 Größe, ist hier durch
einen Pfeil markiert. Man stelle sich vor: 15 Millionen Sterne sind
heller als der Gesuchte! Am 13. März, zu Lowells 75. Geburtstag, erfuhr
die staunende Öffentlichkeit davon.
Wieder stand eine Taufe ins Haus. Frau Constance, die plötzlich
meinte, ein Wörtchen mitreden zu müssen, war erst für «Zeus»,
dann für Percival (das war, wir erinnern uns, der Vorname ihres Gatten),
schließlich gar für ihren eignen: Constance. (Wäre es nach ihr
gegangen, hieße der gefährlichste Sprengstoff der Welt jetzt
Constantium, wie Tombaugh sarkastisch in seinen Erinnerungen bemerkt.)
Es war ein
11jähriges Schulmädel aus Oxford, Venetia Burney, mit Sinn fürs
Mythologische, die meinte, jene dunkle Welt müsse nach dem Gott der Unterwelt
benannt sein. Wie man weiß, hatten am Ende des Saturnischen
Zeitalters die Sieger: Jupiter, Neptun und Pluto, alles - Himmel und
Erde, Wasser sowie Unterwelt - unter sich
aufgeteilt. Nach zweien, Jupiter und Neptun, waren bereits Planeten benannt.
Nun war Pluto dran. Da die Abkürzung für Pluto, PL, zugleich an die
Initialen von Percival Lowell denken ließ, waren alle zufrieden.
Was aus dem glücklichen Entdecker wurde? Nun, Tombaugh führte die Suche nach Planeten, auch nachdem er geheiratet hatte, fort. Fand allerdings «nur» noch Planetoiden, einen Kometen, eine Nova, einen Kugelsternhaufen, mehrere offene Sternhaufen und einen Supercluster, eine Ansammlung von Galaxienhaufen also. Nach dem Krieg hat er in White Sands, auf dem Raketenübungsplatz der Amerikaner, kurzzeitig auch mit Raketen gespielt. Das Beobachten aber, das hat er nie aufgegeben. Als kurz vor seinem Tode die Smithsonian Institution seinen Neunzöller ihrer Sammlung einverleiben wollte, winkte er ab mit den Worten: «Sie können ihn nicht haben, ich benutze ihn noch».
Aber war Pluto überhaupt Planet «X»? Er wurde 6 Grad von der
Position entfernt angetroffen, die sowohl Lowell als auch Pickering 1919
angegeben hatten. Das mochte noch angehen, nicht zu tolerieren war, daß
der neue Fund auf Grund seiner geringen Helligkeit offenbar viel kleiner und
leichter war als angenommen.
Für 1965 war eine Sternbedeckung vorausgesagt worden, falls Pluto mindestens
7000 km groß ist. Die Bedeckung fiel ins Wasser und Pluto damit unter die
7000 km Grenze.
11 Jahre später wurde spektroskopisch Methaneis, ein gut reflektierendes
Material, auf der Plutooberfläche ausgemacht. Pluto mußte, da er trotz
guten Rückstrahlungsvermögens so schwach nur leuchtet, noch viel
kleiner sein als angenommen. Doch wie klein genau?
Vor 18 Jahren fand der Amerikaner James Christy vom U.S. Naval
Observatory einen Trabanten des Pluto mit einer Umlaufzeit von 6.4 Tagen.
Der Clou: Dieser Trabant ist selbst
halb so groß wie der Planet, den er umkreist.
Christy taufte ihn auf Charon. Vielleicht weil seine Frau Charlene, Char
gerufen wurde. Vermutlich aber doch wegen der Mythologie. Charon ist ja jener
Fährmann, der die toten Seelen in die Unterwelt übersetzt, über den Styx,
weshalb es in gewissen Gegenden Sitte war oder ist, den Toten ein Geldstück
für die Überfahrt mitzugeben.
Jedenfalls war dank Charon die Plutomasse kein Naturgeheimnis mehr. Sie
läßt sich aus der gegenseitigen Anziehungskraft exakt bestimmen und
beträgt nur 2 Promille der der Erde. Pluto ist damit 500 mal leichter als in
älteren Tabellenwerken angegeben, viel leichter als der Erdmond!
Sieben Jahre nach der Entdeckung des Plutomondes kam es zu einer Serie von gegenseitigen Bedeckungen von Mond und Planet, was wahrlich ein Glücksfall ist: Die nächsten fallen nämlich ins 22. Jahrhundert. Seitdem wissen wir es ganz genau, Pluto ist mit 2300 km kleiner als der Erdmond! Und er kann unmöglich der gesuchte Störenfried sein. Letztendlich stellte sich heraus, daß an den sagenhaften Reststörungen in den Bewegungen von Uranus und Neptun, die man festgestellt zu haben glaubte, nichts dran war, weil die Messungen halt nicht stimmten. Die jahrzehntelange Suche nach Pluto hatte auf einer falschen Voraussetzung gefußt! Trotzdem hatte sie Früchte getragen.
Ein Besuch bei Pluto und Charon ist überfällig. Und man muss
sich beeilen: Der winzige Planet und sein Mond
entfernen sich seit 1989 wieder von der Sonne. Damals
war Pluto der Sonne näher als Neptun. Durch die allmähliche Abkühlung könnte die Atmosphäre ausfrieren. Das früheste Startfenster
öffnet sich 2006. Mit Jupiters Hilfe könnte die
Pluto-Kuiper-Express-Sonde (jetzt «New Horizons») Pluto 2015
erreichen.



