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Schuld an allem war Uranus. Der bewegte sich nicht so, wie man es von ihm erwartete, weshalb angenommen wurde, es müsse jenseits des Uranus noch einen weiteren Planeten geben. Zwei Mathematiker machten sich nun daran, den Ort des Störenfrieds zu berechnen. Sie rechneten und rechneten, und das monatelang. Der eine, Leverrier, schickte das Ergebnis seiner Berechnungen an die Berliner Sternwarte. Der Brief kam am 23. September 1846 an, und noch am gleichen Abend sah Galle den Neuling am vorausberechneten Ort. Von Vorteil war, dass man hier über eine sehr gute Sternkarte verfügte. Dass Neptun zunächst am Schreibtisch entdeckt wurde und dann erst am Himmel, war natürlich eine wissenschaftliche Sensation.
So oder so ähnlich steht's in den Schulbüchern. Was wie ein modernes Märchen beginnt, war einst wirklich. Den Brief gibt es.
Ein Planet, der seit Ewigkeiten um die Sonne kreiste, namenlos, hat sich über Nacht einen Namen gemacht. Die Art und Weise, wie die Auffindung geschah, musste die öffentliche Neugier erregen, zumal Franzosen und Engländer heftig um die Priorität stritten. Zuerst gesehen hatte ihn, unbestritten, ein Berliner: Johann Gottfried Galle.
Diesem Gelehrten war vergönnt, etwas zu finden, was bleibt. Solches geschieht nicht oft.

Berliner Sternwarte

Uns berührt diese Geschichte. Es geschah ja nicht irgendwo. Neptun ist an der Berliner Sternwarte aufgefunden worden, an jener Einrichtung, die Glanz und Lärm der aufstrebenden Metropole aus der Idylle des heutigen Enckeplatzes in die Idylle des Babelsberger Schloßparks vertreiben sollte.

Es ist guter Brauch, Sternstunden mit Regelmäßigkeit zu gedenken. Dies also ist Neptuns Stunde.

Das heißt, über Sterbliche wird natürlich auch zu reden sein, solche, die sich einen unsterblichen Namen gemacht haben, wie unser Johann Gottfried Galle (9.6.1812 - 19.7.1910), Observator zu Berlin und erst im biblischen Alter, nämlich im 99. Lebensjahr, hier in Potsdam verschieden, die Herren Urbain Jean Joseph Leverrier (11.3.1811 - 23.9.1877) und John Couch Adams (5.6.1819 - 21.1.1892), mathematische Genies aus Paris bzw. Cambridge, deren Chefs, wobei letztere nicht immer im allerbesten Licht erscheinen werden, und andere, die nahezu vergessen sind.

Damen kommen in diesem ersten Teil unserer Geschichte nicht vor, was bedauerlich ist. In dieser Hinsicht ist die Plutoentdeckung ergiebiger.

Erwarten Sie bitte nichts Neues. Was ich vom Hergang der Neptunentdeckung weiß, basiert auf Schilderungen von Allen Chapman, Wolfgang Dick, Jürgen Hamel, Bernhard von Lindenau, Patrick Moore und Diedrich Wattenberg. Nicht zu vergessen der «Newcomb-Engelmann».

Lassen wir den Dreizack zu Hause und fangen wir mit der Geschichte an, am besten bei des Meergotts Großvater: Uranus.

  1. Uranus
  2. Ein himmelsmechanisches Problem
  3. Die Neptun-Entdeckung
  4. Nachwehen einer Entdeckung
  5. Name
  6. Vermischtes
    1. Sternkarten
    2. Vorherige Sichtungen
    3. Zufall oder nicht?

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2.1. Uranus

1781: Uranus Voyager 2: Uranus

Man schreibt das Jahr 1781, und das Zeitalter, wo Saturn der Markstein des Sonnensystems ist, geht im März zu Ende. Der gebürtige Hannoveraner Friedrich Wilhelm Herschel (15.11.1738 - 25.8.1822) durchmustert akribisch den englischen Himmel nach Doppelsternen und macht unweit von Zeta Tauri eine Entdeckung: «… perhaps a comet» schreibt er. Allein der Komet entpuppte sich als Planet, der erste, den man nicht von altersher kannte. Um die heilige Sieben-Zahl der Wandelsterne, Sonne und Mond eingeschlossen, war es damit geschehen.
Acht Jahre später entdeckt Klaproth jenes Metall, das, nach Uranus benannt, das Atomzeitalter eröffnen wird.
Uranus machte Herschel mit einem Schlag berühmt und aus dem armen Organisten einen begüterten Astronomen am englischen Hof mit 200 Pfund Sterling Jahresgehalt. Als Dank an seinen König nannte Herschel seinen Fund «Georg's Stern». Auf dem Kontinent setzte sich allerdings der Name Uranus durch, nach einem Vorschlag des damaligen Direktors der Berliner Sternwarte, Johann Elert Bode (19.1.1747 - 23.11.1826). Sir William entdeckte auch gleich zwei Uranusmonde, Titania und Oberon, was für die Bestimmung der Uranusmasse nützlich war.

Wilhelm Herschel

Das Portrait zeigt ihn, mit recht stolz auf Uranus und die beiden Monde. Wie sich später herausstellte, hatten andere lange vor Herschel den Uranus gesichtet, jedoch nicht erkannt. Bewohner einer Südseeinsel gar hatten ihm schon einen Namen verpasst. Diese älteren Sichtungen sind wertvoll, helfen sie doch, die Bahn genauer festzulegen. Bei einer Umlaufzeit von 84 Jahren ist man darauf angewiesen.

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2.2. Ein himmelsmechanisches Problem

Sonderbarerweise half dies bei Uranus nicht. Sogar ein Pierre Simon de Laplace versuchte sich am Lauf des Uranus. Doch der lief nicht rund, und die veröffentlichten Tafeln stimmten immer nur wenige Jahre mit dem Himmel überein, weshalb ein Himmelsmechaniker namens Alexis Bouvard 1820 kurzerhand die alten Messungen verwarf. Doch auch dieser verwerfliche Umgang mit dem Kulturerbe schuf bloß eine Atempause. 1842, die Abweichung des berechneten Orts vom tatsächlichen näherte sich der 2-Bogenminuten-Marke, setzte die Göttinger Akademie sogar einen Preis für die Lösung dieses himmelsmechanischen Unfugs aus.

Zwei Bogenminuten lassen einen Astronomen erzittern! Ich muß gestehen, dass ich nicht in der Lage bin, eine derartige Kleinigkeit mit bloßem Auge wahrzunehmen.

Nun sind die projizierten Bahnen der Himmelskörper zwar kompliziert, nicht aber die Triebkräfte. Auf dieser Ebene ist die Mechanik des Himmels von einer geradezu «erhabenen Einfachheit», wie es Henri Poincaré, ein genialer Himmelsmechaniker, um die Jahrhundertwende schlicht ausdrückte.
Da Newtons Gravitationsgesetz zu schön ist, um nicht wahr zu sein, meinte 1823
Friedrich Wilhelm Bessel (22.7.1784 - 17.3.1846) — und er stand mit seiner Meinung nicht allein —, es müsse etwas geben, was Uranus stört. Er beauftragte 1837 sogar seinen Schüler Flemming, dieser Sache nachzugehen. Damit nun dieser junge Herr Flemming nicht etwa abgelenkt würde, ward ihm vom Chef jegliches Beobachten untersagt. Herr Flemming jedoch starb 1840 und Bessel erkrankte.

Das Beharren auf Newtons Gravitationsgesetz hatte in ähnlichen Fällen sein Gutes gehabt. Erinnert sei an die Messung der Lichtgeschwindigkeit aufgrund des «gesetzwidrigen» Verhaltens der Galileischen Monde beim Jupiter.

Der Glaube ans Gesetz, hier an die universelle Newtonsche Schwerkraft, war derart übermächtig geworden, dass man eher geneigt war, die reale Welt mit weiteren, hypothetischen Dingen auszustaffieren, als das Gesetz, welches einer tieferenen Seinsschicht angehört, Schaden nehmen zu lassen. Von diesem Glauben bliebt selbst die Geistlichkeit nicht verschont. 1834 meinten Ehrwürden Thomas J. Hussey, es sollte doch möglich sein, aus der Wirkung auf den Verursacher zu schließen. Der newtongläubige Sternfreund ließ indes die Sache auf sich beruhen, zumal ihn die erste Autorität Englands auf astronomischem Gebiete wissen ließ, die Theorie sei noch nicht so weit. Wie sich Autoritäten zuweilen irren!

John Couch Adams Urbain Jean Joseph Le Verrier

Hier sind die beiden Herren, die damals bereits das mathematische Zeug dazu hatten, das sogenannte inverse Problem der Störungstheorie anzugehen, sprich: aus der Wirkung die Ursache zu berechnen.

Adams war der erste, was den Bibelkundigen nicht wundert, der andere dafür erfolgreicher. 1843 nahm sich der frisch promovierte Adams des Falles an. Die Lösung fand er schrittweise, durch «trial and error», wie die Engländer sagen. Der 24-jährige ging von einem geschätzten Abstand des Störers aus und von einer Kreisbahn. Dann verbesserte er den Abstand und ließ Ellipsen zu. Nach zwei Jahren, im Spätsommer 45, ahnte er bereits, wo der «Unbekannte» zu suchen sei und wandte sich an Sir George Biddell Airy (27.7.1801 - 2.1.1892) in Greenwich, seines Zeichens königlicher Astronom. Er traf ihn aber am 21. Oktober nicht an, und auch ein weiterer Versuch der Kontaktaufnahme schlug fehl: Sir George diniere und dürfe nicht gestört werden, beschied ihm der Butler. Dabei war es erst halb vier. Adams hinterließ immerhin eine Notiz mit den Koordinaten. Er hatte es plötzlich eilig, wollte den Zug nach Cambridge noch erwischen.
Nach Patrick Moore, einem Kenner der historischen Details, hat Sir Airy zwar reagiert, am 5. November, aber etwas nachgefragt, was dem Mathematiker Adams wohl allzu trivial erschien. Dabei wollte Airy bloß wissen, wie der junge Mann auf die Entfernung des Planeten käme. Adams hatte zunächst einfach die doppelte Uranusentfernung angesetzt. Offenbar spukte auch in seinem Kopf die sogenannte Titius-Bodesche-Reihe, eine Regel, die die Abstände der bekannten Planeten verblüffend richtig wiedergab. Airy hingegen hatte was gegen das Erraten von Entfernungen.
Jedenfalls brach die Korrespondenz ab. Airy hatte ohnehin andere Sorgen. Seine Frau stand kurz vor der Entbindung ihres neunten Kindes, ein Inzestmord erregte die Gemüter innerhalb und außerhalb des Instituts, und obendrein mußte sich der Geplagte auch noch um die Spurweite der englischen Eisenbahn kümmern.
Adams wird von Zeitgenossen ein äußerst zurückhaltendes Wesen bescheinigt, was ihm aber die Chance seines Lebens gekostet haben dürfte.

Auf dem Kontinent hatte Leverrier inzwischen mit einem direkten Verfahren so ziemlich dasselbe herausbekommen wie sein englischer Kollege acht Monate zuvor und — publiziert. Das nun vernahm man auch in Greenwich. Sir Airy, plötzlich ganz Ohr, beauftragte umgehend einen Kollegen, nach dem Planeten zu suchen. Dieser Gelehrte nun war offenbar ein gründlicher, was ihm aber niemand dankte. In Ermanglung einer geeigneten Sternkarte sah er sich am 29-cm-Refraktor in Cambridge umständlich jeden Stern bis zur 11. Größe in der Steinbock-Wassermann-Gegend an und notierte ihn sich — für später.

Dass Neptun bereits mit meinem 10 × 50 Zeiss-Feldstecher zu sehen ist, konnte Mr. Challis wirklich nicht ahnen.

Hinzu kam: Challis fühlte sich hin- und hergerissen zwischen Pflicht und Neigung. Der Bielasche Komet zerbrach in jenen Tagen, und das schien ihm verlockender, als die vage Aussicht, mit Hilfe von Mathematik auf einen Planeten zu stoßen.

Wieso eigentlich hat Airy seine Nachforschungen nicht von Greenwich aus betrieben? Es lag nicht allein am Instrument. In die Sternwarte, die ihre festgelegten Aufgaben hatte, flossen Steuergelder, und Airy sah nicht ein, warum die Leute die wilde Jagd nach einem Himmelskörper bezahlen sollten. Er war halt ein Mann von Grundsätzen.

Inzwischen hatte sich Leverrier an die Pariser Sternwarte gewandt. Ohne Erfolg. Man lobte ihn, weil er so schön rechnen könne, ernst nahm ihn keiner.

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2.3. Die Neptun-Entdeckung

Leverriers Brief

Und so kam es, dass Leverrier, den Ungeduld vor der Zeit zum Europäer werden ließ, kurzentschlossen nach Berlin schrieb, an Monsieur Gallé. Und diesmal geriet er an den Richtigen. (Richard Feynman kommentierte später lakonisch, es hänge eben oft davon ab, an wen man schriebe.)

Was in dem Brief stand? Nun:
«Heute möchte ich von dem unermüdlichen Beobachter verlangen, dass er einige Augenblicke der Durchforschung einer Region des Himmels widmen möge, wo es einen Planeten zu entdecken geben kann. Es ist die Theorie des Uranus, welche mich auf dieses Resultat geführt hat.» usw. usw.

Johann Gottfried Galle Johann Franz Encke

Johann Gottfried Galle, kein Bedenkenträger, war für Hinschauen und ging schnurstracks zu Direktor Encke. Der feierte bereits, allerdings nicht die bevorstehende Entdeckung, sondern seinen 55. Geburtstag. Franz Joseph Encke (23.9.1791 - 26.8.1865) war zwar skeptisch, wie alle, hatte indes ein Einsehen, und Galle machte sich mit Neunzöller und behördlichem Segen auf Planetensuche.

Fraunhoferscher Refraktor

Der Berliner Fraunhofer-Refraktor, des süddeutschen Instrumentenbauers letztes Werk, ist heute im Deutschen Museum in München zu besichtigen, allerdings ohne Originalokular (das befindet sich immer noch in Babelsberg). Die freie Öffnung beträgt rund 23 cm. Es soll sich optisch wie auch mechanisch um ein ausgesprochen gutes Instrument gehandelt haben.

Das Wetter spielte mit, oder wie es damals hieß: Heiterkeit herrschte am Himmel, und assistiert von einem jungen Mann namens Heinrich Ludwig (Louis) d'Arrest (13.8.1822 - 14.6.1875) war Galle noch am gleichen Abend, einem Mittwoch, das Glück hold: Unweit des angegebenen Ortes (d.h. nahe Delta Capricorni) zeigte sich ein «Sternchen» 8. Größe, welches auf der «vortrefflichen» Berliner Akademischen Sternkarte fehlte.
Er und Encke sahen am folgenden Abend nach, ob der Neuling sich in der vorhergesagten Weise bewegt hatte. Er hatte.
Encke ließ es sich nicht nehmen, Leverrier, der einen Weltenkörper mit «der Spitze seiner Feder» [Arago] dingfest gemacht hatte, persönlich zu beglückwünschen.

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2.4. Nachwehen einer Entdeckung

Pressemitteilung

Challis in Cambridge, der Tage später davon erfuhr, hatte den Planeten bereits zweimal, am 4. und am 12. August, angeschaut, einmal gar protokolliert, er sähe ein Scheibchen! Airy hörte im thüringischem Gotha von der Auffindung. In England erwartete ihn ein Sturm der Entrüstung. Er hätte die Entdeckung im eigenen Land verhindert, wurde ihm vorgeworfen. Adams wurde übrigens Challis' Nachfolger in Cambridge.

Mit der Sucherei war es vorbei, mit der Ruhe allerdings auch.
Die Entdeckung des Neptun, in den Astronomischen Nachrichten von Encke der Fachwelt in wohlgesetzten Worten mitgeteilt, begeisterte nicht nur diese. Hier die Presseerklärung Enckes, in der er die Bedeutung der akademischen Sternkarten hervorhebt.
Den öffentlichen Rummel nicht gewöhnt, beklagte sich Encke — etwas scheinheilig —, er käme kaum zum Arbeiten, wörtlich: «es ging auf der Sternwarte (zu) wie in einem Taubenhaus». Die Wichtigkeit von publicity hat er indes ganz richtig eingeschätzt. Einem Kollegen vertraut er an: «Es ist ein wahrer Trost dass die le Verriersche Entdeckung der Astronomie in den Augen aller Layen einen so großen Glanz verleiht».

Es sei angemerkt, dass Alexander von Humboldt, dem die Berliner ihre neue Sternwarte verdankten, durchgesetzt hatte, dass diese regelmäßig für jedermann zugänglich zu sein hatte. Insbesondere Enckes Nachfolger, Wilhelm Foerster, beförderte wo es ging die Popularisierung. Der nämlich hatte in Paris einen Straßenastronomen, der mit dem Interesse breiter Bevölkerungsschichten sein Geschäft machte, den größten Stuss erzählen hören. Das wollte er seinen Berlinern ersparen.

Da gerade von Pekuniärem die Rede ist: Für Galle zahlte sich der halbstündige Einsatz am Rohr aus. Den Roten-Adler-Orden IV. Klasse bekam er sofort, die Gehaltszulage von 200 Reichstalern jährlich ein klein wenig später. Zwei Wochen nach der Entdeckung war er zudem bereits Ritter, Ritter der Ehrenlegion.

Daumier Karrikatur

Die Helden des Tages waren natürlich: Leverrier und sein Planet. Jeder wollte den neuen Planeten sehen. Den beiden Daumier-Gestalten ist die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben. Ja, ohne Teleskop ist da leider nichts zu machen. Man hätte es ihnen sagen sollen!

Das Jahr 53 sah Leverrier bereits als Nachfolger Aragos auf dem Direktorenposten des Pariser Observatoriums. Beliebt sei er nicht gewesen. Er hätte das Personal gestriezt, wird gemunkelt. Dafür waren seine Soireen tadellos. Die feine Gesellschaft traf sich im Observatorium. Das war schick damals. Als Wissenschaftler war er auch späterhin erfolgreich. Das Rätsel um die Drehung des Merkurperihels wollte er allerdings, wie gehabt, d.h. im Newtonschen Rahmen lösen. Zu einem Paradigmenwechsel, wie man heute sagt, war er nicht bereit. Statt die Relativitätstheorie zu erfinden, erfand er lieber einen weiteren Planeten. Der sollte nach dem Willen seines Schöpfers die Sonne noch innerhalb der Merkurbahn umrunden. Zu Einsteins Glück ist «Vulkan», so der Name der Leverrierschen Erfindung, nie aufgetaucht.
Merkur hatte übrigens Leverrier erst mit Galle bekanntgemacht. Doch das ist eine andere Geschichte.

Galles wissenschaftliche Karriere orientierte sich stark an Enckes Vorlieben. Er entdeckte drei Kometen, gab ein Verzeichnis von Kometenbahnen heraus und hatte wohl als erster die wirklich gute Idee, Planetoiden zur Bestimmung des Grundmaßes im Sonnensystem heranzuziehen. Insbesondere der 1898 entdeckte Planetoid Eros kommt ja der Erde recht nahe, was eine sehr genaue Messung seiner Entfernung erlaubt. (Ist eine einzige Entfernung im Sonnensystem in Kilometern bekannt, folgen alle weiteren aus dem dritten Keplerschen Gesetz.)
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2.5. Name

Wie aber sollte der Neue heißen? Dies beschäftigte selbst vielbeschäftigte Wissenschaftler. Leverrier hatte seinen Chef François Arago, gebeten, den Planeten zu taufen. Und dem viel nichts gescheiteres ein als — «Leverrier». Der Entdecker schien sich nicht dagegen gesträubt zu haben. (Er schlug sogar vor, den Uranus in «Herschel» umzubenennen.) Prompt stand daraufhin in den Astronomischen Nachrichten: «Le Verrier's Name wird sicher auch dann nie untergehen, wenn sein Weltkörper einen Namen führt, der denen der übrigen Planeten analoger ist.»
Mehr Sinn fürs Genealogische bewies die französische Akademie: Sie soll sich gleich für «Neptun» ausgesprochen haben, was der Göttinger Mathematiker und Astronom Gauss in einem Brief vom 7. Oktober an Encke «vollkommen schicklich» fand; «als Zeichen könnte man vielleicht einen Dreizack wählen,…»

Da unbedingt noch einiges nachzutragen ist, kommen wir nun zum Punkt «Vermischtes».

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2.6. Vermischtes

2.6.1. Sternkarten

Hinzuweisen ist erstens auf die Bedeutung guter Sternatlanten.

Hora XXI der Akademischen Sternkarte

Encke und sein «Gehülfe» waren nämlich die denkbar beste Adresse für Leverriers Ansinnen gewesen. Zwar konnte sich das Berliner Fernrohr von der Größe her nicht mit denen in Cambridge und Paris messen, dafür hatte Berlin die besseren Karten.

Die «Berliner Akademischen Sternkarten» gehen auf eine Anregung Bessels zurück und sollten alle Sterne bis zur 9. bzw. 10. Größe enthalten. Man hoffte, ich zitiere, «auf diese Weise … mehrere neue Planeten zu entdecken». Gedacht war wohl eher an Liliput-Planeten, Planetoiden also, denn an richtige Hauptplaneten. Leider hat Initiator Bessel den Triumph seiner Idee nicht mehr erlebt. Er war bereits ein halbes Jahr tot, als Neptun plötzlich in aller Munde war.
Auf dem Original, was sich in Babelsberg befindet, ist es gut zu erkennen: Vermutlich war es Galle, der eigenhändig die von Leverrier angegebene (Quadrat) und die beobachtete (Kreis) Position des Neptuns eingezeichnet hat. Ich habe Adams Position hinzugefügt. Beide, Leverrier und Adams, hatten den Ort richtig vorausgesagt.
Fertiggestellt hatte das Kartenblatt, das durch Neptun zu Ruhm gelangte, ein Dr. Carl Bremiker (1804 - 1877). Encke höchstpersönlich, als Sekretär der Preussischen Akademie der Wissenschaften und Sternwartenchef Herausgeber des Kartenwerks, schlug Bremiker für 'nen Orden vor, «Wenngleich es allerdings ein Zufall ist», bemerkt er einschränkend, «dass der Planet sich gerade auf ihrer Karte befand.»
Auf die Idee, nachzuschauen, ob das fragliche Blatt des Kartenwerks schon vorhanden war, soll übrigens Heinrich, die erwähnte wissenschaftliche Hilfskraft, gekommen sein. Beide, Galle und d'Arrest, haben dann das Blatt, welches noch nirgendwo sonst zu haben war, in einer Schublade ausfindig gemacht, wo, wie Galle sich Jahrzehnte später (1877) fast entschuldigend erinnerte, «diese Sternkarten in einem sehr wenig geordneten Zustande über einander lagen.»

Kartierungen des Himmels begleiten die Astronomie von ihren antiken Anfängen an. Mit Herschels 2. Durchmusterung hat unsere Geschichte ja ihren Anfang genommen. Geändert haben sich die technischen Möglichkeiten. Heute ist es neben den photographischen und CDD-Durchmusterungen mit Teleskopen der Röntgen- und Infrarothimmel, der byte-weise die CD-Roms internationaler Datenarchive füllt. Auch Babelsberg unterhält derartige, für jedermann elektronisch abrufbare Datenbanken. In ihnen schlummern zukünftige Entdeckungen.

2.6.2. Vorherige Sichtungen

Galileis Neptunbeobachtung

Kommen wir zur zweiten Bemerkung.
Auch Neptun ist lange vor seiner Entdeckung gesichtet worden. 234 Jahre vor Galle ist er dem großen Galileo Galilei (15.2.1564 - 8.1.1642) übern Weg gelaufen. Der hat, als er sich Jupiter ansah, Neptun bemerkt, den Wandel- aber irrtümlich für einen Fixstern gehalten. Im Beobachtungsbuch weist eine von Jupiter ausgehende Punktreihe (nahe dem Falz) auf Neptun hin. Sogar eine Ortsveränderung des «Sterns» hat Galileo registriert. Freuen wir uns, dass den Italiener das nicht stutzig machte. Zuerst den Neptun finden und danach den Uranus, das wäre wider die Ordnung gewesen und hätte bloß verwirrt. Herr Titius aus Wittenberg hätte sein Gesetz der Planetenabstände nie gefunden. Neptun nämlich tanzt aus der Titius-Bodeschen-Reihe.

Bedauernswert auch François de Lalande, ein fleißiger Beobachter und fruchtbarer astronomischer Schriftsteller. Der hatte Neptun am 8. und 10. Mai des Jahres 1795 gesehen. Da der vermeintliche « Stern» am 8. woanders gestanden hatte als am 10., hatte er die erste Beobachtung als fehlerhaft betrachtet und nicht publiziert. Man hat sie aber in den Akten aufgestöbert.

2.6.3. Zufall oder nicht?

Nun zum dritten und wundesten Punkt. Bereits im Oktober 1846 war ein Neptunmond gefunden worden und nach ein paar Umläufen war klar, dass Neptun leichter ist, als angenommen. Beide Vorausberechner waren von einem doppelt so schweren Neptun ausgegangen. Allerdings hatte man auch eine weit größere Entfernung zugrundegelegt, so haben sich vermutlich beide Fehler gegenseitig aufhoben.

War gar Zufall am Werk? Schon der Berliner Mathematiker Jacobi hielt die Diskussion darüber für unwürdig, zumal es um eine Entdeckung gehe, «um welche unsere Nachkommen unsere Zeit beneiden werden». Was dann folgt ist köstlich: «Denen, welche die Entdeckung für zufällig ausgeben, weil die Übereinstimmung nicht größer ist, als es die Natur der Sache verstattet, wäre der Rat zu geben, auch solche zufällige Entdeckungen zu machen.»
Was Jacobi vergaß hinzuzufügen: Man hätte ja auch warten können. Dann wäre man nicht auf die Schätzung des Abstands angewiesen gewesen und alles hätte schließlich seine Richtigkeit gehabt. Genau dies war Airys Haltung gewesen, bevor er von den Leverrierschen Rechnungen erfahren hatte. Der nämlich hatte gegenüber Hochwürden Hussey geäußert, man müsse einige Umläufe des Uranus abwarten, wolle man das Problem richtig lösen. Aber Geduld war Leverriers Stärke eben nicht…

Es kam noch schlimmer: Wie Adams, der sich auch weiterhin für seinen Planeten interessierte, schnell bemerkte, braucht Neptun doppelt so lange, um einmal die Sonne zu umrunden, wie Uranus, exakt das 1.96fache. Das nun sieht bedenklich nach einer Resonanz aus. Störungsrechnung ist aber dann ein Ding mit ungewissem Ausgang, wie jeder weiß oder sich zumindest vorzustellen vermag. Die Reihen konvergieren, wenn überhaupt, nur langsam. Mit dieser Komplikation, die später Henri Poincaré an der Stabilität des Planetensystems überhaupt zweifeln ließ, hatte vor der Entdeckung, Gott-sei-Dank, niemand gerechnet. Sonst hätten gar unsere beiden Planetenjäger die Finger davon gelassen.

Wie dem auch sei, ich bin meinem Kollegen Galle zutiefst dankbar, dass er den Zahlen geglaubt und hingeschaut hat. Und außerdem begünstigt der Zufall doch nicht jeden.

Soweit Geschichte und Geschichtchen: Jetzt ist Neptun selbst dran. Schließlich ist er mehr als ein störender Punkt im All: eine Welt für sich, noch dazu keine kleine.