Mit der starken Neigung (17 Grad) der Plutobahn gegen die Ekliptik und der Tatsache, daß auf zwei Plutoumläufe immer genau drei Neptunumläufe um die Sonne entfallen, hängt es zusammen, daß beide einander nie wirklich nahekommen. Ein katastrophaler Zusammenstoß ist durch diese Regelung ausgeschlossen!
Das Leichtgewicht Pluto zählt also nicht, trotz Mond. Er scheint
lediglich der größte unter einer ganzen Schar transneptunischer
Kleinkörper zu sein - der «König des
Kuiper-Gürtels», wie sich Tombaugh ausdrückte.
Neben Pluto befinden sich noch eine Reihe anderer dieser
Kleinkörper in der 3:2 Resonanz zum Neptun. Diese werden, weil von
der Bahnmechanik her dem Pluto ähnlich, als «Plutinos»
bezeichnet.
Der Pluto-Entdecker hat es noch erlebt,
wie nach 1992 eine ferne Welt nach der anderen jenseits des Neptun
vor den erstaunten Augen aller auftauchte, zwar alle
bisher kleiner als Pluto,
aber immerhin richtige
Himmelskörper von einigen 100 km Durchmesser.
Sie alle gehören dem sagenhaften Edgeworth-Kuiper-Gürtel an.
Dieses Reich eisiger, steiniger Bruchstücke, eine Reminiszenz an die
Ur-Scheibe, aus der einst das Sonnensystem hervorging, gilt als
das Mutterland kurzperiodischer Kometen.
Tatsächlich stammt der bekanntesten einer, Halley, von dort.
(Der schnellste der Kurzperiodischen ist nach unserem Johann Franz
Encke benannt. Der nämlich hatte, noch in Gotha auf dem Seeberg
wohnend,
über diesen Kometen eine Preisschrift verfaßt, was ihm 317½ Taler
eingebracht hat. Aber das nur nebenbei.)
Die Zeit, die diesen Kometen bleibt, wurden sie durch himmelsmechanische
Einflüsse aus ihrer Heimat vertrieben, ist kurz.
Halley beispielsweise wird von mal zu mal schwächer. Jeder
Sonnenvorbeiflug zehrt an Substanz - und an
Glanz. Wer aber besorgt das Nachliefern der Schweifsterne? Verdächtigt wird
- Neptun. Er, wieder in der Rolle des «Störers»,
«erodiert» gewissermaßen den Innenrand des
Kuiper-Gürtels und wirft den einen oder anderen Kuiperianer aus seiner
Bahn. Der Centaur Chiron,
1977 entdeckt, hat eine solche bewegte Vergangenheit. Ihn
ziert nun sogar ein Kometen-Halo.
Einige gelangen nach Jahrmilliarden der
Dunkelheit für eine kleine Weile ans Licht, sprich an die Sonne.
Andere werden dafür noch weiter weg geschleudert.
Der «Berliner» Neptun also der Bringer der Kometen? Auch das ist
vorstellbar.
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5.1. Oortwolke und Kuiperscheibe
Verweilen wir noch ein wenig an der Peripherie des Sonnensystems, die so
leer nicht ist, und vergegenwärtigen wir uns, wie es zur Vorstellung einer
den Planetenraum umgebenden Eiswolke aus Kometenkernen kam.
Der Hinweis auf ein Reservoir von 100 Milliarden «schlafenden»
Kometenkernen aus Gestein und Eis weit jenseits von Neptun und Pluto stammt aus
der Statistik: Langperiodische Kometen, also solche mit Umlaufzeiten von
Tausenden bis
Millionen von Jahren, entfernen sich Tausende von AE von der Sonne. Das
ist hundert Mal weiter als die Plutoentfernung! Die Astronomische
Einheit (AE) ist, wie Sie wissen, der Abstand
der Erde von der Sonne: 150 Millionen Kilometer. Dort an der Grenze des
Sonnensystems also, wo sich der Einfluß vorüberziehender Sterne bereits
störend bemerkbar macht, muß demnach eine riesige Kometenwolke das
Sonnensystem einhüllen. So jedenfalls die Schlußfolgerung des
Niederländers Jan Hendrik Oort vor einem halben Jahrhundert.
Diese Kometen stammen aus dem solaren Urnebel und wurden vor 4,5
Milliarden Jahren, als sie unvorsichtigerweise den Urriesen Jupiter, Saturn,
Uranus und Neptun zu nahe kamen, gravitativ dorthin geschleudert. Benachbarte
Sterne, wie Alpha Centauri, können dort, wo das Material nur noch locker von
der Sonne festgehalten wird, Unruhe stiften, d.h. die Oortschen Eiskörper
aus der Bahn werfen. Einige werden gänzlich in den interstellaren Raum
verfrachtet, andere als langperiodische Kometen zur Sonne gelenkt. Plötzlich
und unerwartet tauchen sie dann, wie Hale-Bopp, an unserem Himmel auf,
um bald wieder für
Jahrtausende in die Vergessenheit zu entschwinden. Erst in Sonnennähe werden
sie durch die wärmenden Sonnenstrahlen «geweckt» und entwickeln
Koma und Schweif, also das, was wir an einem Kometen schätzen und bewundern.
Die Existenz der Oortschen Kometenwolke erklärt allerdings nicht die
kurzperiodischen
Kometen mit Umlaufzeiten von weniger als 200 Jahren, deren Bahnen zudem nur
wenig zur Grundebene des Planetensystems geneigt sind. Die müssen, wie
himmelsmechanische Überlegungen amerikanischer und kanadischer Astronomen vor
wenigen Jahren gezeigt haben, tatsächlich aus einer vergleichsweise nahen,
scheibenförmigen Gegend gleich hinterm Neptun stammen. Es waren diese
aufwendigen Computersimulationen, durch welche die fast vergessene Vermutung
von Edgeworth und Kuiper aus den vierziger bzw. fünfziger Jahren wieder zu
Ehren kam. Der Privatgelehrte Kenneth E. Edgeworth und der Profi Gerard Kuiper: Ihrer
beider Namen ziert nun ein Teilchengürtel, der von seiner Masse her den
altbekannten Asteroidengürtel zwischen Mars und Jupiter um das Hundertfache
übertrifft. Er reicht von 35 bis vielleicht 50 AE. Identifiziert sind bisher
rund 500 Objekte, das bislang größte, getauft auf den Namen
Quaoar, ist
über 1000 km groß.
Gefunden wurden die meisten bei einer jahrelangen systematischen Suche auf der
Sternwarte von Hawaii. Die Gesamtanzahl derjenigen,
die 100 km übertreffen, wird auf einige Hunderttausend hochgerechnet.
100 Millionen sollen größer als 20 km sein und 5 Milliarden, die
2-km-Marke passieren. Bei so vielen Körpern sind Kollisionen nicht
ausgeschlossen. Insbesonders die kleineren Objekte könnten Fragmente von
einst größeren Körpern sein.
5.2. Die Zentauren
Die bislang gefundenen Kleinkörper der Kuiperscheibe leuchten ausgesprochen
rötlich. Und es war diese Rotfärbung, welche die Forscher stutzen ließ.
Kannte man nicht bereits eine eigentümliche Horte von Asteroiden, die
Zentauren, die zwischen Saturn und Neptun auf chaotischen Bahnen
herumgaloppieren, und von denen zumindest einer, Pholus, wie rot angemalt ist?
Der Verdacht ist nicht von der Hand zu weisen: Es könnte sich bei den
Zentauren um ehemalige Kuiperianer handeln, die kürzlich, d.h. vor
Jahrmillionen, aus ihrer Heimat vertrieben und nun zum Spielball der
Planetengiganten geworden sind. Einen Zentauren, 2060 Chiron, haben wir bereits
erwähnt. Sie erinnern sich: Der mit der Andeutung einer kometaren Koma. Er
muß, da er offenbar entgast, aus gefrorenen und leicht verdunstbaren
Stoffen bestehen und kann demnach nicht aus dem warmen Asteroidengürtel
zwischen Mars und Jupiter stammen. Mit 180 km Durchmesser ist er für einen
Kometen allerdings reichlich groß. Hale-Bopp werden 30 bis 40 km
zugestanden! Halley ist noch kleiner. Stellen die Zentauren tatsächlich nur
die Spitze des Eisberges dar, ist damit zu rechnen, daß sich ein Heer von
Kometen gerade in der Übergangsphase vom Kuiperianer zum Sonnensucher
befinden.
Übrigens deuten jüngste Beobachtungen mit dem Hubble-Raum-Teleskop
in der Tat auf eine Population von kilometergroßen
Objekten in der Kuiperscheibe hin. Doch liegen diese bei der 27.
Größe und damit an der Grenze des mit dem HST Erreichbaren.
Vermutlich war der äußere Asteroiden-Gürtel anfangs erheblich massereicher
(einige Erdmassen) als
heute. Anders kann man sich ansonsten das Vorhandensein vom solch relativ
großen Brocken wie Pluto, Quaoar und Charon in dieser Region
kaum erklären.
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