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Der Glaube, die Gestirne beeinflussten menschliches Schick­sal (oder seien zumindest Spiegel der Seele), ist uralt. Der Wunsch, gesetzt es sei so, da­raus Nutzen zu ziehen, ist nur allzu ver­ständ­lich. Wer würfe nicht gerne einen Blick hinter die Ku­lis­sen, freute sich nicht über ein Zeichen, einen Wink von «oben»? Den alten Magiern hatte es insbesondere der Pla­ne­ten­lauf angetan. Die Art und Weise, wie Sonne, Mond und Planeten vor dem Hintergrund der Fixsterne «flanieren», verspricht Ordnung und Verlässlichkeit und führt doch immer wieder zu neuen Konstellationen, die sich so schnell nicht wiederholen. Die schiere Anzahl der Ak­teure sorgt für Abwechslung.

Wie wir heute wissen, hat das Spiel der Planeten eine einfache Ursache: die Schwerkraft. Die Formel, die die komplizierten Schlei­fen­bah­nen nach sich zieht, passt auf eine Viertel Zeile! Was dem Auge zunächst unerklärlich erscheint, erweist sich auf der Ebene der Naturgesetze als verblüffend einfach. Mir erscheint es deshalb absurd, auch über­heb­lich, anzunehmen, der Gang der Planeten hätte Be­deu­tung für den modernen Menschen. Dem Weltall sind wir schnuppe.

Aus der magischen Weltsicht erwuchsen — dank eines immer verfeinerteren Instrumentariums und praktischer Erfordernisse — jedenfalls nicht nur die Astronomie, sondern die moderne Naturwissenschaft schlechthin. Die Abnablung vollzog sich keineswegs schmerzlos. Kepler beispielsweise war auch Zahlenmystiker und erstellte Ho­ro­skope. Wir sollten unseren Vorfahren Respekt zol­len für ihre beobachterische Leistung und uns nicht der etwas «fragwürdigen» Herkunft der Astronomie schä­men. Den Chemikern geht es genauso. Wissen und Er­fah­rung der Alchimisten sind der Grundstock, auf dem die Chemieindustrie aufbaut!

Spätestens seit der Aufklärung hat sich zu­nächst im Abendland und unter den sog. 'Gebildeten', eine mehr wissen­schaftlich fundierte Weltsicht breitgemacht (vermutlich mit neuen Mythen). Möglich, dass man dabei des Guten zu viel getan und den Menschen mit seinen exi­sten­ti­ellen Sehnsüchten und Ängsten im Regen hat stehen lassen. Der ach so moderne Mensch, geworfen in das Nichts, des Seins Kälte und Absurdität, trauert um die verlorene Mitte, den rettenden Fels in der Brandung. Anders ist der Erfolg, den Astrologie heutzutage für sich verbucht, kaum zu verstehen. Wissenschaft je­den­falls ist bisher so erfolgreich gewesen, weil sie sich auf das mit Aussicht auf Erfolg Erforschbare beschränkt hat. Die Zufälligkeiten des menschlichen Daseins zählen nicht dazu. Die zu entwirren, wäre ein hoffnungsloses Un­ter­fangen. Kurz, das heimelige Weltbild, das den ein­zel­nen mit einschloss, ihm über die kurze Spanne des Daseins hinaus eine Perspektive gab, blieb auf der Strecke. Damit müs­sen wir leben. Auch sei an die Gefahren von sog. «ganz­heit­lichen» Ideologien erinnert, die politisch letztlich im Terror enden.

Aber ist der Gewinn durch die Ent­zau­be­rung der Welt nicht ungleich höher als der Verlust, den so viele beklagen, die dessen ungeachtet die Er­run­gen­schaf­ten von Forschung und Technik, zuweilen bis zur Maß­lo­sig­keit, auskosten? Naturforschung, aus zweckfreier Neugierde erwachsen, ist eine be­zau­bern­de Angelegenheit, der man sich schwerlich entziehen kann und die unser Leben bereits umgekrempelt hat. Dagegen kommt Magie, der Phantasie des Menschenhirns entsprungen, nicht an. Natur ist allemal ein­falls­rei­cher als Menschenwitz. Außerdem finde ich den Gedanken erhebend, dass 13 Milliarden Jahre nach einem wenig verheißungsvollen Anfang die kosmische Materie schließlich Wesen hervorgebracht hat, durch deren Forscherblick sie erstmals ihre eigene Kreatvität bestaunt. Mir will scheinen, der Mensch hat durchaus eine kosmische Dimension.

Astrologie ist, neben anderen Formen des Okkultismus, ein soziales Phänomen und damit auch Spiegel un­se­rer janusköpfigen Gesellschaft. Argumente sind macht­los gegen sie. (Wer ließe sich schon in sein Lebenskonzept hineinreden?) Selbst der Sieg des Christentums hat der Astrologie nichts anhaben können. Den­noch: In unserer kompliziert gewordenen Men­schen­welt sich zurechtzufinden, zu behaupten und Ver­ant­wor­tung zu übernehmen, erfordert Nüchternheit im Denken bei aller und wegen der Menschenliebe. Die Zukunft ist offen, es gibt Gestaltungsspielraum. Und den sollte man nicht weg­wer­fen.

Und wen die Sinnfrage quält, der halte sich an Philo­sophie, die großen Religionen oder einfach an Woody Allen.

Astrologie muss nicht sein.

geändert: 23.03.2004