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Die Erde ist alles andere als eine Kugel. Die Geophysiker sprechen von einem Geoid. Für das folgende ist nur wichtig, dass sie infolge der Rotation abgeplattet ist und über einen Äquatorwulst verfügt. Mond und Sonne befinden sich meist außerhalb der Äquatorebene. Durch ihre Schwerkraft üben beide Himmelskörper, der Mond wegen seiner Nähe mehr noch als die Sonne, ein Kippmoment auf die Erde aus. Sie wollen den Kreisel Erde sozusagen aufrichten. Wer einmal versucht hat (z.B. im Berliner Physikkabinett der Alten Urania), einem sich schnell drehenden Rad seinen Willen aufzuzwingen, weiss Bescheid: Der Kreisel präzessiert.

Die Erde ist ein Kreisel. Ihre Achse weist z.Z. auf den Polarstern. Allerdings ist die Achse nicht raumfest. Vielmehr beschreibt sie unter dem Einfluss von Mond und Sonne einen Kegelmantel, dessen Achse senkrecht auf der Erdbahnebene steht, mit einer Öffnung von 2 mal 23,5°. Um einen Umlauf zu vollenden — ein sog. Platonisches Jahr —, braucht es allerdings 25700 Jahre. In 25700 Jahren ist also wieder der Polarstern der Polarstern. (Und auch für die Astrologen ist die Welt wieder in Ordnung: Die Tierkreiszeichen stimmen mit den Sternbildern in ca. 24000 Jahren wieder überein, kurzzeitig. Die Präzession hat in den vergangen zwei Jahrtausenden bereits zu einer Verschiebung um ein Tierkreiszeichen geführt. Zur Zeit befindet sich der Widderpunkt, auch Frühlingspunkt genannt, in den Fischen.) Zwischendurch wird die Stafette an andere Sterne weitergereicht. In 13000 Jahren an Wega. (Da dann die Erde ihren sonnennächsten Punkt gerade im Nord-Sommer durchläuft, dürfte dann der Sommer-Winter-Gegensatz für die Bewohner der Nordhalbkugel unangenehm werden. Gegenwärtig wird das Perihel Anfang Januar, im tiefsten Nord-Winter also, durchlaufen. Allerdings vermindert sich gegenwärtig die Exzentrizität der Erdbahn, sie wird immer kreisähnlicher, so dass dieser Effekt in den nächsten Platonischen Jahren schwindet.)

Das Drehmoment, das der Mond auf die Erde ausübt, schwankt genaugenommen etwas mit einer Periode von 18,6 Jahren. Der Grund: Die Mondbahnebene vollführt mit eben jener Periode ebenfalls eine Präzessionsbewegung um den Pol der Ekliptik. (Man stelle sich die Mondmasse verteilt längs der Mondbahn um die Erde vor. Dieser Materiering aus Mond ist ebenfalls ein Kreisel!) Jedenfalls variiert der Winkel zwischen der Mondbahnebene und der Äquatorebene der Erde zwischen 18° und 28¾° und damit der Beitrag des Mondes zum Kippmoment, das die Präzession der Erdachse bewirkt. (Befände sich der Mond immer in der Äquatorebene der Erde, gäbe es gar kein lunares Kippmoment.) Der Präzession der Erdachse ist infolgedessen eine kurzperiodische Schwankung überlagert, die zusammen mit anderen periodischen Anteilen als Nutation bezeichnet wird. Die wahre Erdachse durchläuft also binnen 18,6 Jahren eine kleine Nutationsellipse um eine gedachte mittlere Erdachse, die binnen 25700 Jahren wiederum einen Kreis um den Pol der Ekliptik beschreibt.
Während die Präzession der Erdachse schon dem antiken Astronomen Hipparch (um 190-125 v.Ch.) im zweiten vorchristlichen Jahrhundert bekannt war, wurde die Nutation erst 1747 von James Bradley (1692-1762) gefunden.