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Astronomie mit Hans-Erich Fröhlich
Abb.: Hans-Erich Fröhlich

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März 2006

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Hans-Erich Fröhlich Liebe Leserinnen und Leser,

daran, dass im alten, vorjulianischen Rom der Jahreslauf mit dem März begann, erinnern nur noch Monatsbezeichnungen wie September, was der "Siebte" bedeutet. (Heutzutage ist September der "Neunte" und müsste daher November heißen). Was er für uns astronomisch bereithält, der März 2006? Nun, wie in jedem Jahr beginnt mit ihm der Frühling, was von altersher so festgelegt ist, und es gibt, was nicht immer der Fall, eine totale Sonnenfinsternis. In Deutschland wird die Sonne allerdings nicht ganz bis zur Hälfte bedeckt sein. Aber die Totalitätszone ist nicht weit entfernt, und viele wird es am 29. März in die Türkei oder nach Nordafrika verschlagen, um dieses Naturschauspiel zu erleben. Denn ein Erlebnis ist es, wenn der Mond die Sonnenscheibe in Gänze verdunkelt und man plötzlich, für wenige Augenblicke nur, all das zu sehen bekommt, was sonst in der Sonne Überhelle untergeht.
Es war sicherlich keine gute Idee, wenn auch durch das Thema, Helio- bzw. Asteroseismologie, nahegelegt, im Januar-Newsletter den Begriff "Sternbeben" für die langandauernden Vibrationen gewisser Sterne zu verbrauchen, denn tektonische Erschütterungen, wie wir sie von der Erde her kennen, gibt es in der Tat auch bei Sternen — Neutronensternen. Diese verfügen über eine kristalline Kruste, in der es zu Spannungen und Entladungen von derartigen Spannungen kommen kann. Davon soll diesmal die Rede sein. Der März bietet sich dafür an, war es doch ein Märztag, der 1979 die Welt des Hoch-Energie-Astronomen erbeben machte …

Einen sonnigen Start ins Sommerhalbjahr und klaren Himmel nicht nur zur Sonnenfinsternis wünscht allen Abonennten des Kosmos-Boten

Hans-Erich Fröhlich

Der Himmel im März

Frühlingsbeginn ist am 20. März, 19 Uhr 26 MEZ. Die Sonne überquert den Himmelsäquator. Ihr Tagbogen ist von da an für ein halbes Jahr länger als das Bogenstück, das sie des Nachts unterhalb des Horizonts durchläuft. Venus ist Morgenstern und erreicht am 25. März mit 46,4° ihren größten Winkelabstand zur Sonne. Der nützt ihren Verehrern allerdings wenig, da die Angebetete wegen tiefliegender Ekliptik im Horizontdunst verharrt. Vom Mars ist lediglich zu vermelden, dass er dem März zu seinem Namen verhalf. Der rote Planet geht ansonsten kurz nach Mitternacht unter. Während Jupiter auf seine Opposition mit der Sonne zusteuert, hat Saturn das bereits hinter sich. Beide Riesenplaneten sind schon bzw. noch gut sichtbar, Jupiter am Monatsende bereits ab 22 Uhr MEZ und Saturn bis zum Begin der astronomischen Morgendämmerung.
Neumond ist am 29. März kurz nach 11 Uhr MEZ. Da es sich fügt, dass just zu diesem Zeitpunkt der Mond die Erdbahnebene kreuzt, kommt es zu einer totalen Sonnenfinsternis. Total ist die Finsternis, weil der Mond sich gerade in Erdnähe aufhält, also besonders groß am Himmel steht. Meteorologisch am günstigsten dürfte Nordafrikas Mittelmeerküste sein, nahe der libysch-ägyptischen Grenze. Hat der Mondschatten diese Region hinter sich gelassen, betritt er schließlich türkischen Boden. In Antalya dauert die Totalitätsphase noch über drei Minuten. Dass ein halbes Jahr später, am 22 September, eine ringförmige Sonnenfinsternis stattfindet, ist kein Zufall.

Magnetare: die stärksten Magnete der Welt

(Falls Ihr browser das Gamma nicht anzeigt: der Code γ steht für den gr. Buchstaben Gamma.)

Der 5. März des Jahres 1979 war für meine Zunft ein denkwürdiger Tag: Ein Schauer von γ-Quanten ergoss sich über das Sonnensystem. Die Schmerzgrenze sämtlicher γ-Detektoren auf interplanetaren Raumsonden und Erdsatelliten wurde überschritten. Dennoch konnte aus den Unterschieden bei den Ankunftszeiten auf den Ort des Senders am γ-Himmel geschlossen werden. (Bei vier Messungen ist im allgemeinen der Ort eindeutig aus den Laufzeitunterschieden berechenbar. Die Aufenthaltsorte der Satelliten beim Eintreffen der γ-Quanten sind ja bekannt.) Alles wies auf den jungen Supernovaüberrest N49 in der Großen Magellanschen Wolke am Südhimmel hin, einem Begleitsternsystem der Galaxis. Der Schauer, von keiner Menschenseele wahrgenommen, dauerte noch nicht einmal eine Sekunde. Er hat unsere Sicht der Dinge verändert.
An sich sind γ-Strahlungsausbrüche nichts Ungewöhnliches. Fast täglich kracht es irgendwo im Universum. Man war auf diese Erscheinung in den 60-er Jahren im Zuge der Überwachung des Teststop-Abkommens von 1963 aufmerksam geworden. Die Vela-Satelliten sollten mit ihren γ-Augen verbotene nukleare Sprengungen erspähen. Die γ-Blitze, die man fand, hatte aber nicht der einstige politische Gegner zu verantworten, sie waren himmlischen Ursprungs und himmlischen Ausmaßes. Im Falle des 5. März-Ereignisses konnte jedermann überschlagen, wieviel Energie in dieser extrem dünnen Kugelschale aus γ-Quanten stecken muss, die sich mit Lichtgeschwindigkeit aufbläht und die die Zählrohre hat erblinden lassen: Für den Fünftel-Sekunden-γ-Blitz aus der Magellanschen Wolke hätte die Sonne Tausende von Jahren lang strahlen müssen! Das erschien uns damals, 1979, unglaublich. Inzwischen hat uns Natur belehrt, dass es sich bei dem März-Ereignis um einen Ausbruch der harmlosen Sorte gehandelt haben muss, ausgelöst durch ein Neutronensternbeben. Die Quelle, der Neutronenstern, Überbleibsel einer Supernovaexplosion, wurde nicht zerstört! Bei den Soft Gamma-Ray Repeaters, kurz SGRs, wiederholen sich die Ereignisse nämlich, deshalb also Repeaters. (Dass Sie sich bzgl. des soft bloß keinen Illusionen hingeben: Das verharmlosende Adjektiv bezieht sich auf den γ-Bereich. Das ist knallharte Röntgenstrahlung!) Das bislang letzte Beben von SGR0526-66 wurde im Mai 1983 registriert. Kein ultimativer Todesschrei also, wie bei einem "richtigen" γ-Strahlungs-Ausbruch, wo ein Neutronenstern zu Tode kommt.

Was hat das alles mit Magnetfeldern zu tun? Dazu muss ich ein wenig ausholen. Die SGRs sind junge Neutronensterne. Der in N49 ist vor 5000 Jahren bei einer Supernovaexplosion entstanden. Das Ding ist kaum älter als die Cheops-Pyramide! Für ihre Jugendlichkeit rotieren die SGRs allerdings erstaunlich langsam. In der Abklingphase eines γ-Ausbruchs, im Nachhall sozusagen, flackert die γ- und Röntgen-Leuchtkraft mit einer Periode von etlichen Sekunden. Und die Rotationsdauer nimmt messbar zu! Anders als bei einem Radiopulsar, der sich über Jahrmillionen mit konstanter Geschwindigkeit um sich selbst dreht — insbesondere die Millisekundenpulsare gelten als die genauesten Uhren der Welt —, "tickt" so ein SGR immer langsamer. In einem Fall nimmt die Rotationsdauer um ¼ Sekunde im Jahrhundert zu. Jede Atomuhr ist da tausendfach genauer. Was aber bremst die Rotation: Es ist das Magnetfeld, und zwar ein Feld, das billiardenfach (10-hoch-15) das Erdmagnetfeld übertrifft. Die Neutronensternmagnetfelder, die man zuvor kannte, waren nur billionenfach stärker! (Solche Felder quetschen Atome, d.h. die Elektronenorbitale, zu dünnen Nadeln zusammen. Die magnetische Kraft auf ein bewegtes Elektron übertrifft die elektrische Anziehung durch den Atomkern bei weitem. Die Spiral- oder Gyrationsbewegung freier Elektronen um die magnetischen Feldlinien ist gequantelt. Die einem Übergang zwischen verschiedenen Energieniveaus, sog. Landau-Niveaus, entsprechende Röntgenstrahlung erlaubt die unmittelbare Messung der magnetischen Feldstärke, wie erstmals 1977 durch eine deutsche Forschergruppe bei einem Ballonexperiment geschehen.)
Was macht einen Neutronenstern derart magnetisch? Ein Neutronenstern wird geboren, bricht der etwa erdgroße (entartete) Eisenkern eines massereichen Sterns unter seinem Eigengewicht binnen Sekundenbruchteilen in sich zusammen. Das Eisen wurde einst durch Kernfusion aus leichteren Elementen zusammengeschmiedet. Nun ist, was der Stern nicht weiß, so ein Eisenatomkern der stabilste Atomkern überhaupt, der mit der höchsten Bindungsenergie. Weder durch Fusion noch durch Spaltung (Fission) lässt sich aus Eisen Kernenergie gewinnen. Der Stern steht fassungslos und ohne Ausweg vor seiner letzten Energiekrise. Bar jeder Energiequelle muss der 1½ Sonnenmassen schwere eiserne Kern eines solchen Sterns in sich zusammensacken. Nur die Quantenmechanik vermag den Kollaps, gerade so, zu stoppen. Es entsteht ein Gebilde nicht viel größer als Berlin, ein Neutronenstern. Dabei wird Gravitationsenergie frei, mehr als genug, um die äußere Hülle des Unglückssterns abzusprengen. Außenstehende sehen eine Supernovaexplosion. Die Protonen des kollabierenden Innern tun sich mit den Elektronen zusammen, d.h., sie verwandeln sich unter Abgabe von Neutrinos, die letztlich entweichen, in elektrisch neutrale Neutronen. Ohne Elektronenhüllen, sozusagen nackt, werden die ehemaligen Atomkerne dicht an dicht gepackt und verlieren im Kernbrei ihre einstige Identität. (Nahe dem Zentrum könnte der Nukleonenbrei in Quarkmatsch übergehen, was Auswirkung auf die Größe eines derartigen Neutronensterns hätte und erklärt, weshalb sich Kernphysiker so brennend für Neutronensterndurchmesser interessieren. Quarks kommen sonst aus unerfindlichen Gründen nur im Zweier- bzw. Dreierpack vor, niemals einzeln.) Ein Neutronenstern ähnelt tatsächlich einem gigantischen Atomkern, zusammengehalten von der Schwerkraft und der starken Kernkraft, weshalb auch die Neutronen nicht zerfallen. (In Freiheit überdauern Neutronen nur ¼ Stunde.) Ein gerade geborener Neutronenstern dreht sich hundertemal pro Sekunde um seine Achse. Das vergleichsweise winzige Himmelskörperchen bekam den gesamten Drehimpuls des Vorgängersternenkerns ab! In den ersten Minuten ist es zudem total überhitzt, und die Kernflüssigkeit "wallet und siedet und brauset und zischt". (Dieses 100-Hz-Geblubber wäre für das menschliche Ohr sogar hörbar.) Noch hat sich keine feste Kruste gebildet. Bei diesen turbulenten Bedingungen springt, schnelle Rotation vorausgesetzt, der Neutronensterndynamo an: Das beim Zusammenbruch des Sternenkerns mitgerissene und ohnehin hochverdichtete magnetische Feld schaukelt sich selbst induktiv auf, die Energie der Rotation entziehend. Nach wenigen Minuten stirbt der Dynamo. Zurück bleibt ein ultrastarkes Magnetfeld. Während bei einem "normalen" Pulsar das Magnetfeld trotz seiner unglaublichen Stärke genaugenommen belanglos ist, legt es bei einem Magnetar den Lebensweg fest. Die magnetische Bremsung macht den Magnetar bald, d.h. nach nur zehntausend Jahren, von der Bildfläche verschwinden. Vermutlich wimmelt es in der Galaxis von toten Magnetaren, unbeobachtbaren, weil zu gemächlich rotierenden Neutronensternen! Ist das der Grund, weshalb wir bei vielen Supernovaüberresten partout auf keinen beobachtbaren Pulsar stoßen?
Bleibt noch zu klären, wie es zu den gelegentlichen γ bursts (Quelle: Robert Mallozzi/NASA) kommt. Von einem solchen waren wir ja ausgegangen. Eine thermonukleare Detonation ist es jedenfalls nicht. Dazu müsste fusionierbares Materiel, Wasserstoff oder Helium, auf der Oberfläche abgelagert werden, wozu ein Spenderstern nötig wäre. Nein, auch der Ausbruch ist anscheinend magnetisch bedingt. Das Magnetfeld ist bei Magnetaren eine tragende Kraft. Und diese schwindet. Die Folge: Krustenteile brechen und stürzen ein. Die angestaute Spannung entläd sich schlagartig. Danach ist wieder Ruhe, jedenfalls für eine Weile. Das Magnetfeld ist also die Energiequelle. Die Schwerebeschleunigung auf einem Neutronensterns macht das Hunderdmilliardenfache der Erdschwere aus. Selbst kleinste tektonische Verschiebungen gehen mit gewaltigen Energieumsätzen einher. Ein Spaziergänger, der dort auf die Nase fiele, der Länge lang hinschlüge, täte dies mit der Wucht einer Wasserstoffbombe! (Wozu er aber erst einmal aufrecht stehen müsste, was bei 10-hoch-11 g mühsam ist. Die Neutronensternatmosphäre reichte, um ein Letztes noch hinzuzufügen, gerade bis zu seinem Knöchel. Ich sehe schon, auf den Neutronenstern werde ich zurückkommen müssen.)

Zur Beachtung

Falls Sie sich fragen, stimmt das alles, was der von sich gibt, dürften Sie richtig liegen. Seien Sie skeptisch! Fehler, verschmerzbare wie schmerzliche, und Ungenauigkeiten schleichen sich immer ein, was nichts entschuldigt. Und ob meine Sicht der Dinge immer den Kern trifft ...? Ich versuche, für die Astronomie zu werben, nicht mehr und nicht weniger. Kurz, ich bemühe mich, aber — «Nobody is perfect».

Wer Quellenangaben wünscht, schreibt mir bitte eine E-Mail.


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