
René Magritte
Nichts ist wirklicher als das Nichts.
Samuel Beckett
Liebe Leserin, lieber Leser,
Januar, der Janusköpfige, ladet ein zu
Rückblick und Vorschau.
Für die Astronomengilde war das Jahr 2011
ein erfolgreiches: Der Physiknobelpreis ging
immerhin an drei Astronomen. Der Jubel ob
der „Dunklen Energie“ ist
allgemein, doch genau genommen handelt es sich
um das preisgekrönte Eingeständnis einer
intellektuellen Blamage allerersten
Ranges: Wir haben schlicht
keine Ahnung, woraus das Universum
hauptsächlich besteht.
Sowohl die „Dunkle Materie“
als auch die „Dunkle Energie“,
beide sind zutiefst obskur. Dennoch gibt es
einiges dazu zu sagen. Der Kosmos-Bote nimmt die
Preisverleihung an Saul Perlmutter,
Brian P. Schmidt und Adam G. Riess
erneut zum Anlass,
auf die „Dunkle Energie“
sprechen zu kommen.
Was die Entdeckung der „Dunklen Energie“
so bemerkenswert macht? Nun, sie wurde
uns aufgezwungen, geschah wider Willen.
Nur Einsichten, die ungelegen kommen,
überzeugen!
In der Presse wird derzeit viel über
des Universums Schicksal spekuliert, als ob
es morgen schon so weit wäre und die Konsequenzen
der sich stetig beschleunigenden Expansion schon bald
jederman sichtbar würden. Sich über
„letzte Dinge“ zu äußern,
die keiner wird jemals nachprüfen können,
entbehrt nicht des Reizes, ist aber deshalb
noch keine Wissenschaft.
Ist Vorschau überhaupt machbar?
Von den Meteorologen mussten wir lernen, dass dies
angesichts der Komplexität der Welt
nur begrenzt möglich ist. Ja, leider war's ein
Mann des Wetters, Edward Norton Lorenz
(1917–2008), der 1963 bei einem einfachen
nichtlinearen System, der atmosphärischen
Konvektion, den Schmetterlingseffekt entdeckte,
und kein Himmelsmechaniker. (Obwohl der geniale
Henri Poincaré
(1854–1912) das deterministische Chaos
beim n-Körper-Problem der Himmelsmechanik
lange vor Lorenz
„gesehen“ hatte.) Erst 1986
entschuldigte sich ein Physiker im Namen
aller Kollegen dafür, die „gebildete Öffentlichkeit“
jahrhundertlang glauben gemacht zu haben,
die Newtonschen Gesetze der Bewegung machten die
Zukunft im Prinzip berechenbar.
Für das innere Planetensystem ist die
himmelsmechanische Vorhersagbarkeit auf wenige
Millionen Jahre beschränkt. Mehr ist nicht
drin. Und daran ändern auch bessere Rechner nichts.
Beim Universum sieht's womöglich besser aus.
Das ist einfacher gestrickt.
Die kosmologische Expansion wird sich nicht
von heute auf morgen ändern. Der
Schwung reicht für Äonen.
Aber es gibt ein Horizontproblem.
Wir können an Lichtjahren nur so weit blicken, wie
das Universum an Jahren alt ist. Die
gute Nachricht: Unser Horizont weitet
sich! (Falls sich das Universum
weiterhin beschleunigt aufbläht,
sollte sich eines fernen Tages der Horizont
sogar wieder verengen.)
Das schafft andererseits aber auch Raum für
Überraschungen.
Niemand weiß, was hinterm Horizont lauert.
Nur in einem endlichen Universum ist man
gegen Überraschungen gefeit.
Die Beschwichtigung, wonach auch dort
„Draußen“ die Dinge ihren
gewohnten Gang nehmen, also
nichts Unerwartetes von dort zu gewärtigen sei,
beruht allein auf der Annahme, dass sich in einem
Moment am Anfang der Zeit
das Universum gewaltig
aufgebläht habe. Der ganze Weltenraum,
viel viel weiter
als wir heute zu schauen vermögen,
war zuvor ein mikroskopisch kleines
Etwas aus der Nanowelt. Jeder Teil wusste
vom anderen, bevor die kausale Anbindung
durch das überschnelle Aufblähen schlagartig
gekappt wurde und die Kommunikation abriss.
Das erklärt, warum Teile des Himmels, die heutzutage
einige Winkelgrade voneinander entfernt sind, nahezu die
gleiche Temperatur von 2,7 K (-270,4°C)
haben. Ohne diese anfängliche Inflation
können sie niemals in Wärmekontakt
gestanden, d. h. sich „abgesprochen“ haben.
Eine Inflation hinter uns und eine vor uns:
das ist der Stand der Forschung.
(Oder auch nicht. Für Roger
Penrose beißt sich
die Schlange gar in den Schwanz. Das Ende, es
erweist sich womöglich als neuer Anfang,
als ein neuer Zyklus der Zeit …)
„Was soll's?“, werden Sie sagen.
Der Äon ist nicht jedermanns Sache.
Womit sich unsereiner so herumschlägt, ist von
kleinerem Zuschnitt. Hier unten
wimmelt's von Schmetterlingseffekten.
Willkommen im „Schaltjahr der Nachhaltigkeitsforschung“!
Ihr Hans-Erich Fröhlich
Der Himmel im Januar
Am 5. Januar strahlt die Sonnenscheibe in maximaler
Größe vom Firmanent. Keine Angst, der wahre
Sonnendurchmesser wächst so schnell nicht.
Es ist vielmehr der Abstand zur Erde,
der z. Z. immer Anfang eines Jahres minimal wird. Die Erde
durchläuft das Perihel ihrer Ellipsenbahn.
Venus und Mars sind im Kommen. Die Venus dient uns in den
nächsten Monaten als Abendstern. (In der zweiten Jahreshälfte
versieht sie ihren Dienst als Morgenstern.
Dazwischen taucht sie kurz vor der Sonnenscheibe auf, am 6. Juni.
Es ist der letzte Venustransit in diesem Jahrhundert!)
Mars steht immer
früher auf, gegen Monatsende bereits vor 21 Uhr.
Noch ist Jupiter gut am Abendhimmel sichtbar.
Ist er untergegangen – kurz nach Mitternacht –, macht
im Osten schon der nächste Riese seine Aufwartung,
Saturn.
Ich weiß nicht, unter welche Rubrik die folgende
Meldung fällt: Am 8. Januar jedenfalls wird der Kosmologe,
Quantentheoretiker und Thermodynamiker
Stephen Hawking 70!
Dunkle Energie
Eigentlich ist es kein Wunder. Das Weltall dehnt sich
aus, Stoff und Strahlung (insbesondere letztere)
sind immer dünner gesät, die Leere nimmt irgendwann
überhand, wird beherrschend.
Irgendwann? Traut man neueren Beobachtungen,
wie offenbar das Nobelpreiskomitee, hat
das Vakuum schon längst die Führung
übernommen. Und sein Einfluss wächst. Es
gibt immer mehr davon.
Doch lassen Sie uns der Reihe nach vorgehen.
Dass ein Universum, wo die Schwerkraft das Sagen hat,
nicht statisch sein kann, muss bereits Newton klar gewesen
sein. (Dazu bedarf es
nicht des mathematisch anspruchsvollen
Apparates der Einsteinschen Allgemeinen
Relativitätstheorie (ART). Für
eine in sich konsistente Beschreibung des Kosmos
ist sie allerdings unumgänglich.) Ohne inneren Druck, ohne Fliehkraft – wogegen
sollte das Universum rotieren? – muss jede
Massenansammlung entweder in sich zusammenstürzen oder aber,
falls sie anfänglich auseinanderstrebte, dies im Laufe der
Zeit immer langsamer tun. Die Schwerkraft
zehrt am Schwung der Expansion. Reicht der
Anfangsschwung nicht aus, sollte so ein
Universum nach geraumer Zeit sogar wieder
in sich zusammenbrechen. (Das ist wie im Falle
einer Rakete, die die zweite kosmische
Geschwindigkeit, die Entweichgeschwindigkeit,
verfehlt. Die fällt unweigerlich
zurück.)
Dass die kosmologische Expansion gebremst vonstatten geht, schien ausgemacht. Trotzdem maß man nach. Man bediente sich dazu spezieller Supernovae: explodierender weißer Zwerge.
Für weiße Zwerge ist die Masse nach oben quantenmechanisch begrenzt. Wird durch Aufsammeln von Material diese Grenze erreicht, kommt es zur thermonuklearen Detonation.
(Auch wenn aller paar Sekunden
irgendwo im Universum eine Supernova aufleuchtet, ein solches
Ereignis aufzuspüren ist bei einem so großen
Universum keine leichte Sache!) Da man davon
ausgehen kann, dass die Wucht der thermonuklearen
Detonation und die Lichtausbeute
damals wie heute dieselbe ist, dient die scheinbare Helligkeit
einer solchen Supernova als Maß für ihre Entfernung.
Man kann in der Tat mittels Ia-Supernovae den Raum ausloten und die
heutige Expansion des Kosmos mit der in der Vergangenheit
vergleichen. Der Astronom nutzt dabei aus,
dass es ihm vergönnt ist, in die Vergangenheit
des Universums zu schauen.
Die Überraschung war
perfekt. Die Expansion verlief in der Tat
anfänglich gebremst, schlug aber bereits vor
Jahrmilliarden (bei einer Rotverschiebung von 0,6)
offenbar in eine beschleunigte um,
als gäbe es eine Art Anti-Gravitation!
(Inzwischen gibt es unabhängig von explodierenden
weißen Zwergen Hinweise, wonach die
kosmologische Expansion in der Tat an Fahrt gewinnt.)
Anti-Gravitation gibt's tatsächlich – und sie ist
ein alter Hut von Einstein,
wie wir sehen werden.
Jeder kennt die Formel
E = m· c2. Masse und
Energie sind einander äquivalent. Ein Gramm
Strom sind 25 Millionen kWh und kostet
entsprechend einige Millionen Euro.
Da Masse, also Stoff, anziehend auf andere
Massen wirkt, muss Energie (beispielsweise Wärme)
auch gravitativ anziehend sein.
Nehmen Sie den Gasdruck, eine
Energiedichte. Die entsprechende Massendichte
ist wegen des Faktors c2
im Alltag verschwindend
gering. Dennoch: Druck trägt nach Einstein wie
Masse zur Schwerkraft bei!
Das hat Folgen.
Ein Neutronenstern kann deswegen nicht schwerer als,
sagen wir, 2 1/2 Sonnenmassen sein.
Um das Gewicht eines Neutronensterns auszuhalten,
muss der Innendruck immens sein.
Man kann sich vorstellen, was passiert, trägt der
Druck selbst zur Schwerkraft bei. Irgendwann ist kein Halten mehr.
So entstehen schwarze Löcher von wenigen Sonnenmassen.
Gibt es negativen Druck? Der müsste ja
dann logischerweise für gravitative Abstoßung sorgen.
Na klar! Spannen Sie eine Feder oder ein Gummiband!
Zugspannung ist negativer Druck.
Die Federspannung vermindert folglich ein wenig die
Schwere, die vom Federmaterial ausgeht.
Verglichen mit der stoffbedingten Eigenschwere
fällt diese zugbedingte negative Schwerkraft allerdings
nicht ins Gewicht, ansonsten müsste sich ja eine
Spiralfeder, je stärker sie gespannt wird, um so
mehr sich selbst strecken und spannen. Sie müsste
erst allmählich, dann immer schneller
von selbst auseinanderschnellen –
wie das Universum.
Gibt es reine Zugspannung?
Auch hier war Einstein Vordenker. Um das
Universum an seiner Entwicklung zu hindern,
verpasste er kurzerhand einem freien Parameter seiner ART,
einer Integrationskonstanten, den passenden
Wert. Das war 1917. Anziehung und Abstoßung hielten
wie durch Zauberei einander die Waage, das
statische Weltall war gerettet. Allerdings erwies
sich dieses durch Feinabstimmung
erzwungene Gleichgewicht als labil.
Die kleinste Störung und das
künstlich ausbalancierte Universum fiele
in sich zusammen oder bräche immer schneller auseinander.
Als sich 1929 herausstellte,
dass das Weltall eh expandiert,
bedauerte Einstein seinen Kunstgriff und soll
die sog. kosmologische Konstante als
„größte Eselei seines Lebens“
bezeichnet haben. Heute ist sie wieder in
aller Munde. (Woran man sieht, dass
bei einem Genie selbst die
Fehler noch genial sind.)
Die kosmologische Konstante bietet sich an,
die beobachtete beschleunigte Ausdehnung
des Universums zu beschreiben.
Sie wirkt wie ein allgegenwärtiger konstanter
negativer Druck. Allzu bedeutend darf diese
Abstoßung allerdings nicht sein, man bekäme ja
sonst ihre lokale Auswirkung im Planetensystem zu
spüren.
Was aber verbirgt sich an Physik hinter der kosmologischen Konstanten? Sie könnte für eine spezielle Eigenschaft des Quantenvakuums stehen, seine Elastizität. Die Physiker haben von jeher ein gespanntes Verhältnis zur Leere. Ende des 19. Jahrhunderts erfanden sie den „Äther“ als gewichtsloses elastisches Medium, in dem sich elektromagnetische Wellen ausbreiten sollten. Schallwellen bedürfen der Luft, elektromagnetische Wellen des Äthers, so sagte man sich. Die Ätherhypothese musste 1881 zu Grabe getragen werden. Der Versuch, den „Ätherwind“ der Erde zu messen, war gescheitert. Der unerwartete Ausgang des Michelson-Experiments auf dem Potsdamer Telegrafenberg aber gab den Startschuss zur (speziellen) Relativitätstheorie. Später sorgte das Quantenvakuum für Furore. Es darf nämlich nicht „leer“ sein. Das widerspräche den Gepflogenheiten der Quantenwelt. Jeder Versuch, das Nichts auf Null-Komma-Nix festzunageln, führt unweigerlich dazu, dass sich dieser Zustand ändert, und zwar sofort!
Dahinter steckt Heisenbergs Unschärferelation. Man kennt das: Je schärfer ich den Ort eines Teilchens fixiere, indem ich es beispielsweise in einen kleinen Kasten sperre, desto größer sein Drang nach Ortsveränderung. So ein eingesperrtes Quantending rennt wie ein wildes Tier gegen seine Mauern an, je enger der Käfig, desto entschiedener. (Dieser Tatsache verdanken wir weiße Zwerge und Neutronensterne. Selbst am Temperaturnullpunkt, -273°C, gibt es diesen quantenmechanischen Entartungsdruck.) Zwar gibt's im Vakuum keine realen Teilchen, aber dafür virtuelle. Sie kommen und gehen. Für beliebig kurze Zeiten darf der Satz von der Erhaltung der Energie beliebig verletzt werden.
Kurz, das Quantenvakuum, der leere Raum an sich,
ist ein seltsames
„Zeug“ mit fluktuierender
Nullpunktsenergie. Seine Federkraft (Casimir-Effekt)
stellt sogar ein ernstes Hindernis
für die Nanotechnik dar.
Kann man sich irgendwie plausibel machen, dass eine
Weltkugel aus Nichts exponentiell expandiert?
Nun, die Menge an Vakuum, die in einer solchen
Kugel steckt, wächst mit dem Volumen, geht also mit
der dritten Potenz des Radius. Die gravitative
Abstoßungskraft
an der Kugeloberfläche,
sie fällt à la Newton
mit dem Quadrat des Radius.
(Die Abstoßung durch die
Vakuumspannung übertrifft die Anziehung durch
die Vakuummasse betragsmäßig
um das Dreifache. Virtueller Stoff stößt
doppelt so stark ab, wie normaler Stoff anzieht!)
Die auswärts
gerichtete Beschleunigung, die die
Kugeloberfläche erfährt, ist mithin proportional dem
Kugelradius. Mathematisch ausgedrückt ist
die zweite Ableitung des Weltradius nach der Zeit
(die Beschleunigung) dem Weltradius selbst
proportional. Das führt letztlich
auf einen mit der Zeit
exponentiell anwachsenden Weltradius.
Die Zeitspanne, binnen derer sich der
Weltradius jeweils verdoppelt, ist eine
Naturkonstante. Verstünden die Physiker das
Vakuum, sollten sie diese
Verdopplungszeit ausrechnen können.
Neben dem ordinären Vakuum, das in mehreren Varianten auftreten kann, hat der Physiker noch ein gehaltvolleres „Triebmittel“ in petto, die „Quintessenz“. In der Aristotelischen Weltsicht erhebt sich das „fünfte Wesen“ als ätherisches Element über die vier „grobstofflichen“ Urstoffe, Feuer, Erde, Wasser und Luft. Es wird symbolisiert durch den fünften Platonischen Körper, den Dodekaeder. Wie es scheint, ist der „Äther“ nicht totzukriegen!
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